Die Gelehrten der Schießscheibenwelt

Die Hamersche Herde pocht auf den Anspruch, daß ihre Lehre eine wissenschaftliche sei. Im Gegensatz zur „bisherigen Medizin„¹, die nur auf einer limitierten Anzahl von Hypothesen beruht, sei Hamers Neue wirklich wissenschaftlich, da sie sich auf universelle Naturgesetze stützen soll und angeblich jede Krankheit aller Lebewesen ursächlich erklären und ihren weiteren Verlauf vorhersagen kann.

Die Gelehrten

Warnung: Der folgende Beitrag enthält explizite Zitate aus dem Katechismus² der Neuen Medizin des Heiligen Hamer von Germanien und könnte bei Lesern mit erhöhter Anfälligkeit für Neusprech-Blasen zu  Episoden von Verzweiflung, Verzückung oder Wahn führen. Bitte lesen Sie nur weiter, wenn Sie bei bester Laune und bereit zum Ertragen bizarrer Ideen sind.

Im Zweifelsfalle oder auch einfach nur  zur Sicherheit lesen Sie vorher bitte ein paar Seiten Pratchett, den ich Ihnen wärmstens an Herz legen möchte, falls er dort nicht längst liegt. Seine Bücher vermitteln auf höchst vergnügliche Weise neben gediegenem Wissen über das Leben, das Universum und den ganzen Rest auch die Fähigkeit, Scharlatane der Unsichtbaren Universitäten an ihren Worten zu erkennen.

Anhänger der Hamerschen Glaubensrichtung, vom in Ehre treuen bis zum gedankenlos mitlaufenden Schäflein der Hamerschen Herde, müssen nicht weiterlesen. Sie wissen das alles schon, und bisher hat es sie auch nicht zum Nachdenken gebracht.

¹) alle „kursiven Zitate“ stammen aus Hamers  „Vermächtnis einer Neuen Medizin“, dem Sequel seiner „sub omni canonae“-Habilitationsschrift von 1981.

²) Der Katechismus ist seit dem Beginn der Neuzeit ein Handbuch der Unterweisung in den Grundfragen des christlichen Glaubens. Das Verb „κατηχεĩν“ (aus: „κατά“, herab und „ηχεĩν“, schallen, tönen) heißt in seiner Urbedeutung „von oben herab antönen, umtönen, ergötzen, bezaubern“. Gebraucht wird dieses Zeitwort im Sinne von „unterrichten“. Umgangssprachlich bedeutet es heute „Kinderlehre“.

Die Vorstellung, daß nicht nur die Krebserkrankung, sondern praktisch alle Erkrankungen nicht Zufälle oder Unfälle sind, sondern daß sie der Ausdruck und der Effekt eines bestimmten, mit allen anderen Lebewesen dieser Welt vernetztes Computerprogramm sind, ist schon in meiner Habilitationsschrift vom September 1981 beschrieben. Damals hatte ich noch kein Gehirn-CT gesehen.

Die alte Weltsicht der Neuen Medizin

Die Vorstellung, daß es im Leben keinen Zufall gibt und alles Geschehende einen tieferen Sinn hat, ist weit verbreitet. Hamer treibt diese Vorstellung auf die Spitze und behauptet, daß jegliches biologische Geschehen sinnvoll für den betroffenen Organismus sei. Damit ist auch schon der wesentliche Inhalt seiner Lehre umrissen: Da die Natur sich selbst am besten zu behelfen weiß, darf der Mensch sich nicht anmaßen, in dieses sinnvolle biologische Geschehen einzugreifen, denn „Mutter Natur macht nämlich keine ‚Fehler‘„. Alles, was von der „alten“ Medizin fälschlicherweise als Krankheit angesehen wird, ist in seinen Augen bereits Teil der Heilung, die von der Natur programmgemäß eingeleitet wurde und keinesfalls durch menschliche Intervention gestört werden darf. Eine Therapie nach Hamer beschränkt sich daher im Wesentlichen auf ein „Warten, bis die Natur ihr Werk vollbracht hat„.

Verzichtserklärung

So formuliert eine Todessekte ihre Widerrufsbelehrung

Abwarten und Tee trinken

An dieser Stelle melden die Hamerianer gern Protest an: Es sei mitnichten einfach nur abzuwarten, bis alles wieder gut ist. Vielmehr komme es jetzt verstärkt darauf an, dem Patienten die Zusammenhänge zu vermitteln, die zur Krankheit führten, und ihm klarzumachen, daß nicht nur alles seinen natürlichen Gang gehen wird, sondern auch Verlauf und Ausgang der Krankheit vorhersagbar sind. Für die Genesung ist der Hamersche Patient allerdings ganz allein verantwortlich, und dieser Verantwortung kann er nur nachkommen, wenn er bedingungslos an die Gültigkeit der 5 Naturgesetze glaubt. Wenn nicht, „ist jede weitere Therapie sinnlos„, wie Pilhar die vielen ‚kalten Abgänge‘ schönzureden versucht, die seine Glaubensrichtung bisher produziert hat: Fehlt der Glaube, wird die Heilung mißlingen, was jedoch nicht an der Natur oder ihrer Interpretation durch Hamer liegt, sondern lediglich an den Zweifeln des Patienten. Es kann doch ein Hamer nichts dafür, wenn ihm seine völlig eigenverantwortlich entscheidenden Patienten immer wieder einfach wegsterben – er hat doch schließlich gar nichts getan!

erklarung-der-geschehnisse

Tiefster Glaube an Hamers Naturgesetze ist Voraussetzung für ihr Wirken - wer nicht geheilt wird, sondern qualvoll stirbt, der ist selber schuld!

Gesetzmäßigkeiten, die keine sind

Die 5 „Naturgesetze“ der Neuen Medizin können also nur bei den Patienten ihre Wirkung entfalten, die unbeirrt an sie glauben. Wer Schwäche zeigt und sich von gutgemeinten Ratschlägen verunsichern läßt, bei dem führt das üblicherweise zum Mißerfolg. Da aber die echten Naturgesetze unabhängig von jeder menschlicher Unsicherheit wirken, muß Hamer neben den Begriffen Krankheit und Heilung auch den des Naturgesetzes umdefiniert haben, um ihn für sich vereinnahmen zu können. Ehrlicherweise sollte er seine 5 Naturgesetze „Hamersche Glaubenssätze“ nennen.

Das Selbstverständnis des Neuen Mediziners

Der König im Exil

Der König im Exil

„Es stört mich zwar nicht, als Wunderheiler bezeichnet zu werden, aber es ist Blödsinn. Diejenigen, welche von Naturwissenschaft keine Ahnung haben, werden als Wissenschafter bezeichnet, und mich, dessen Medizin auf 5 Naturgesetzen beruht, stellt man als Wunderheiler dar und erfindet die tollsten Sachen, z.B. daß ich mit Handauflegen oder Öleinreiben oder was auch immer arbeite.“

Es wäre wirklich Blödsinn, ihn als Wunderheiler zu bezeichnen, denn dazu müßte er erst einmal jemanden, der wirklich ernsthaft erkrankt ist, mittels seiner wunderbaren „Naturgesetze“ heilen. Da für Hamer ausnahmslos jede Erkrankung, ob Schnupfen, Karies oder Durchfall, eine Krebserkrankung ist, kann er natürlich leicht mit „Erfolgen bei der Krebsbehandlung“ prahlen, wenn der Schnupfen vorbei ist.

Bisher ist jedoch noch jeder jämmerlich zugrundegegangen, der an einer histologisch nachgewiesenen bösartigen Krebserkrankung litt und sich in der Hoffnung auf Heilung in die Fänge der Hamerschen Sekte begab.

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1 Response to “Die Gelehrten der Schießscheibenwelt”


  1. 1 Achter 23. April 2009 um 21:49

    Sehr schön. Ich finde es gelungen, ein dermaßen widerwärtiges Thema wie die GNM so unterhaltsam darzubieten.
    Klasse!


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