Psychosekten: altes Problem, neue Opfer

Die meisten Sekten, um die es geht, sehen sich selbst als rein religiöse Sekten an, andere wiederum scheinen mehr politisch ausgerichtet zu sein. Eine der wichtigsten, allgemein gültigen Besonderheiten solcher Sekten ist das Vorhandensein eines Führers, der auf die eine oder andere Weise besondere Machtbefugnisse für sich in Anspruch nimmt oder es auch zuläßt, daß man ihn als Messias ansieht. Solche Führer haben besondere, persönliche Fähigkeiten, einschließlich einer einmaligen Weltanschauung und einer besonderen Neigung, drastische Veränderungen im Denken und Verhalten ihrer Anhänger zu bewirken.

Es scheint, daß die von diesen Sekten angewandten Techniken sich sehr ähneln obwohl jede ihre eigene, besondere Prägung hat. Es wäre naheliegend, daß alle diese Sekten, um auf jeden Fall zu überleben, Mittel und Wege ausgearbeitet haben, um Zugang zu „empfänglichen“ Personen zu bekommen. Diejenigen, die den Anwerbungsbemühungen unterliegen, sind wahrscheinlich zwei klar gegeneinander abzugrenzende Gruppen. Die erste besteht aus den „Suchenden“, — wir kennen sie alle —, von denen allgemein, aber zu Unrecht angenommen wird, daß sie die Gesamtgruppe der Beeinflußbaren bilden. Sie sind schizophren, chronisch schizophren, oder Grenzfälle.

Es ist klar, daß Probleme des Gemüts oder der Persönlichkeit Gründe sind, um sich mit Sekten einzulassen, und auch, daß die meisten Fachleute für Geisteskrankheiten zur Zeit nur diesen Grund in Erwägung ziehen. Diese in Sekten „Eingeführten“ engagieren sich, um sich wohler zu fühlen, denn sie sind besonders unglücklich mit sich und ihrer Umwelt. Die so motivierten Bekehrungen sind wiederherstellend, sanierend, denn die Suchenden bemühen sich um ihre Wiederherstellung, indem sie scheinbaren Trost in einer neuen, wenn auch verfälschten Wirklichkeit suchen. Wir finden dieses Bemühen um Wiederherstellung auch beim Entstehen der sogenannten Sekundär-Symptome der Schizophrenie oder anderen Formen von Geisteskrankheiten. Dies ist der Versuch eines verwirrten oder geschädigten Geistes, um eine neue, vereinfachte Geisteswelt oder Geistesführung aufzubauen und um das schreckliche Bewußtwerden (oder das aufkeimende Bewußtwerden) einer persönlichen Gefährdung zu kompensieren. Nach meinen Untersuchungen gehören ungefähr 58% der Sektenanhänger zu dieser ersten Gruppe (der Schizophrenen).

Die restlichen 42% der untersuchten Fälle waren dagegen nicht krank oder geschädigt in dem Sinne, wie ich es vorher erwähnt habe. Das heißt, sie wurden offensichtlich als sich normal entwickelnde junge Menschen befunden, die die üblichen Entwicklungskrisen auf dem Weg zum Erwachsenwerden durchmachten, die jedoch, aus welchem Grund auch immer, in die von den Sekten aufgestellte Falle geraten waren, die dann zuschnappte.

aus „Untersuchung über die Auswirkungen einiger religiöser Sekten auf Gesundheit und Wohlergehen ihrer Anhänger“ von John G. Clark, erschienen in GWG-Info 30/1977 Seite 12

Über 30 Jahre alt ist diese Untersuchung mittlerweile, das untersuchte Problem jedoch ist aktueller denn je. Woher stammt diese ungebrochene Faszination für das Irrationale? Es macht wohl den Reiz eines Guru aus, daß er einfache Antworten auf schwierige Fragen anbietet, daß er die komplizierte Welt für an ihr Gescheiterte oder von ihr Überforderte wieder begreifbar macht.

Advertisements

0 Responses to “Psychosekten: altes Problem, neue Opfer”



  1. Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




grenzenlos daneben

"Verrücktheit ist unendlich faszinierender als Intelligenz, unendlich tiefgründiger. Intelligenz hat Grenzen, Verrücktheit nicht." Claude Chabrol

Beiträge vom

auf den Weg

Ich sehe nicht ein, warum ich, der Einfalt Anderer wegen, Respekt vor Lug und Trug haben sollte. Die Wahrheit achte ich überall; eben darum aber nicht was ihr entgegensteht
Arthur Schopenhauer
Parerga und Paralipomena II

Auf Dummenfang waren bisher

  • 114,332 Besucher

%d Bloggern gefällt das: