Die nationale (Quiz-)Frage

Also, das ist mit normalem Menschenverstand nicht ohne weiteres nachvollziehbar, außer, man denkt etwas um die Ecke.

rtb

Die mit-normalem-Menschenverstand-etwas-um-die-Ecke-Denker

Runde Tische haben spätestens seit den bürgerbewegten Wendezeiten den Ruch, zu Neuausschreibungen in nahezu allen Hierarchiestufen zu führen, ohne dabei die Hierarchiestrukturen selbst anzutasten. Auch wenn die Berliner Rundtischler bei ihrer Namenswahl eher an eine großdeutsche Version von König Artus‘ Tafelrunde dachten, kam ihnen diese Konnotation gewiß nicht ungelegen, denn sie wissen, wie man erfolgreich Dumme fängt. Eine herzliche Einladung zur Mitwirkung verbreitet basisdemokratischen Charme, Rechtschreibfehler reduzieren intellektuelle Berührungsängste und die Ankündigung erschütternder Wahrheiten verleitet zum erwartungsvollen Weiterlesen:

Also, kommen Sie herein in das Kabinett der Unglaublichkeiten und der erschütternden Wahrheit. Wachen Sie auf, aber erschrecken Sie nicht über das, was Sie erfahren werden.

Das wirkt nicht nur so, als wäre es einer Szene mit Neo und Morpheus entnommen, es ist ganz offensichtlich auch so gemeint. Vergleichen Sie Kopie und Original:

bluepill
neo

Will man wirklich wissen, was der RTB für wissenswert hält, und schluckt die bräunliche Kröte, dann erfährt man zwar Erschütterndes, die Wahrheit jedoch sucht man jenseits der vielen selektiv zitierten Gesetzestexte vergebens. Den Fragen zur Staatsangehörigkeit z.B. wurde eine ganze Seite gewidmet. Zu finden ist dort nahezu alles, was reichsdeutsche Illusionisten zu diesem für passionierte Ausweisverkäufer grundlegenden Thema im Laufe der Jahre ersonnen haben. In der resümierenden „Abschlußbetrachtung“ ist nicht nur das diesen Beitrag einleitende Zitat vom „um die Ecke„-Denken zu finden, sondern auch die vertraute Aufforderung, doch bitte selbst zu recherchieren:

Es gibt noch viele Details zum Thema Staatsangehörigkeit, aber bitte stellen Sie Ihre eigenen Ermittlungen an und Sie werden sicher noch weitere Ungereimtheiten finden. Diese Übersicht ist lediglich eine art roter Faden und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Was spricht dagegen, diese Übersicht zu vervollständigen? Noch stolpert man über viele Ungereimtheiten in diesen angeblichen Ungereimtheiten auf unseren Ausweisdokumenten. Wer hat sich z.B. den Unsinn ausgedacht, „Ein Angehöriger/e des Staates Frankreich hat die Staatsangehörigkeit:  REPUBLIK FRANKREICH„? Jede französische ID-Card enthält in ihrem Kopf  per default die Inschrift Nationalité Française, von Staatsangehörigkeit wie auf bundesdeutschen Ausweisen steht dort gar nichts:

id_france

Dem Française hinter Nationalité auf der französischen ID-Card entspricht das Deutsch im entsprechenden Feld auf der deutschen. Was ursprünglich als Argument dafür gedacht war, daß „ein Angehöriger/e der BRD“ demzufolge auch „die Staatsangehörigkeit:  BRD“ haben müsse, entpuppt sich auf Anhieb als Argument dagegen.

Aber auch die Ausweise vieler anderer Länder widerlegen die reichsdeutsche Behauptung, daß ein Ausweisdokument bei der Nationalität, wo im deutschen „Deutsch“ zu finden ist, doch gefälligst unbedingt die Staatsbezeichnung zu stehen habe. Lassen Sie mich einige wenige Beispiele dafür geben, was dort alles zu finden ist:

  1. Dansk/Danish/Danoise
  2. Espanola
  3. Norwegian
  4. Magyar/HUN
  5. Svensk/Swedish
  6. BHS
  7. Nederlandse
  8. Française
  9. Российская Федерация/Russian Federation
  10. Italiana
  11. FIN
  12. Ugandan
  13. Україна/Ukraine
  14. Belg
  15. Czech Republic
  16. Liberian

Abkürzungen, Adjektive, Substantive – eine feste Regel scheint es nicht zu geben. Die Bezeichnung dieses Ausweis-Feldes hingegen ist vergleichsweise einheitlich:

  • a Nationalitet/Nationality/Nationalité
  • b  Nacionalidad/Nationality/Nationalité
  • c  громадянство/Nationality
  • d  Nationality
  • e  Kodakondsus/Citizenship
  • f  Nasjonalitet/Nationality
  • g  Гражданство/Nationality
  • h  Nationalitet/Nationality
  • i  Nationality/Nationalité
  • j  Nationality
  • k  Nationalité
  • l  Nationaliteit/Nationality/Nationalité
  • m  Státní obcanství/Nationality/Nationalité
  • n  Cittadinanza/Nationality/Nationalité
  • o  Nationaliteit/Nationalité/Staatsangehörigkeit/Nationality
  • p  Á́llampolgárság/Nationality

Damit sind wir an der Stelle angekommen, an der dieser Blogbeitrag zum Quiz wird. Teilnahmeberechtigt sind Rundtischler, Reichsregierte und Selbstverwalter und alle diejenigen, die deren so laienhaft zurechtgezimmerten Thesen Glauben schenken.

0.

Informieren Sie sich zunächst einmal über die internationalen Gepflogenheiten. Ordnen Sie als Beleg Ihrer Sachkunde obigen 16 „Staatsbezeichnungen“ das passende Label zu.ugandan

Beispiel: In den Personaldokumenten Ugandas trägt das Feld, in dem Ugandan (‚Ugandisch‘, also ebenso wie ‚Deutsch‘ nicht der Name des Staates) eingetragen wird, das Label „Nationality“. Die Zuordnung 12d wäre also korrekt. Die restlichen Lösungspaare sind selbst zu finden.

Wer diese fehlerfrei als Kommentar veröffentlicht, qualifiziert sich für die Beantwortung der eigentlichen Fragen:

1.

Welche historischen Ursachen könnte es haben, daß auf einigen Dokumenten der Begriff „Staatsbürgerschaft“ verwendet wird, wo sonst üblicherweise „Nationality“ zu finden ist?

Als kleine Hilfestellung:

громадянство bedeutet Staatsbürgerschaft, Nationalität heißt Народність
Гражданство bedeutet Staatsbürgerschaft, Nationalität heißt Подданство
Cittadinanza bedeutet Staatsbürgerschaft, Nationalität heißt nazionalità

2.

Gibt es eine international verbindliche Regel,  in welcher Form auf einem nationalen Ausweisdokument anzugeben ist, welcher Nation oder welchem Staat der Ausweisinhaber angehört?

3.

Welche staats- oder völkerrechtlich relevante Bedeutung soll es haben, daß der bundesdeutsche Personalausweis das Wort Deutsch im Feld Staatsangehörigkeit/Nationality/Nationalité enthält?

4.

(Zusatzfrage 1)

Die Dänen gehören zu den Nationen, die keine großen Unterschiede in der Bedeutung der Begriffe Staat und Nationalität sehen. In der dänischen Wikipedia existiert nicht einmal ein eigenständiger Beitrag für „Nationalitet“, diese Seite wird kurzerhand auf „Stat“ weitergeleitet, wo sich folgende Beschreibung findet:

En stat er en organisation med egen regering, der har suverænitet over et geografisk mere eller mindre afgrænset område.

Fehlt den Dänen das, was die Deutschen „Nationalität“ nennen? Haben es etwa die fürstentümlichen Germanen?

5.

(Zusatzfrage 2)

Was muß einem gesunden erwachsenen mitteleuropäischen Menschen widerfahren sein, daß er freiwillig und ohne Zweifel an den längst en détail widerlegten reichsdeutschen Unsinn glaubt?

Wenn die Antworten auch ohne „um die Ecke“ denken zu müssen mit meinem normalem Menschenverstand nachvollziehbar sind, winkt als Preis ein Exemplar des Buches „Einbürgern und Ausschliessen: die Nationalisierung der Staatsangehörigkeit vom Deutschen Bund bis zur Bundesrepublik Deutschland“ von Dieter Gosewinkel.

Viel Erfolg!

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5 Responses to “Die nationale (Quiz-)Frage”


  1. 1 Rheinlaender 17. Mai 2009 um 17:50

    Ausserdem sollten unser Reichsheinis mal erklaeren wo der obskure Staat „British Citizen“ liegt, der bei Paessen aus dem UK in der Nationality-Spalte steht …

  2. 2 Irexis 18. Mai 2009 um 01:48

    Der Runde Tisch Berlin. Geleitet von einem Möchtegern Ritter mit hang zu langen Texten (seine HP spricht Bände) und unterstützt von einem Volksrat der Germanier, der laut Presse schon auf gepackten Koffern nach Bolivien? sitzt. Da trifft sich die Elite der KRR *eg*

  3. 3 SystemSturz 15. Juni 2010 um 08:15

    Soviel Text und dann doch nicht zum Punkt gekommen…

    Deutsch (als Sprache) ist sehr präzise. Wir unterscheiden halt zwischen Staatsangehörigkeit und Nationalität.

    Nationalität kann man nicht erwerben – man erhält sie mit Geburt. Wenn Mutter und Vater Deutsche sind, wird man „Deutsche(r)“. Egal wo man auf der Welt geboren wird. Schwieriger wird es, wenn die Eltern gemischt ethnisch sind, aber selbst hierbei ist noch von „deutscher“ Nationalität auszugehen. Ob es uns gefällt oder nicht – Nationalität stellt auf Ethnie/Rasse ab. Man wird bei Geburt Deutscher, Franzose, Russe oder eben nicht.

    Staatsangehörigkeit kann hingegen erworben werden. Nimmt ein Staat den Bürger XY auf, dann kann er die jeweilige Staatsbürgerschaft des Landes (hier BRD) erwerben. Dann ist er deutscher Staatsbürger. Deutscher im Sinne der Nationalität wird er nie werden. Er ist dann z.B. deutscher Staatsbürger mit russischer Nationalität.

    Insofern ist es eben doch falsch, was auf unseren Ausweisen steht. Die deutsche Sprache unterscheidet zwischen Staatsbürgerschaft und Nationalität. „Deutsch“ als Nationalität ist korrekt – sofern man (das wird jetzt gegen die Etikette einiger Leser verstoßen) deutsches Blut in seinen Adern hat. „Deutsch“ als Staatsangehörigkeit hingegen ist falsch. Der Staat heißt Bundesrepublik Deutschland und eben nicht „Deutsch“.

    Auch wenn andere Sprachen nicht zwischen Nationalität und Staatsangehörigkeit unterscheiden, hat das keine Aussagekraft für den deutschen Sprachraum. Wir unterscheiden!

    • 4 Rheinlaender 22. Juni 2010 um 05:02

      Nebelbombe!

      Nationen werden durch ihre Staaten definiert: Es sind die Staaten, die Voelker als Untertanen festlegen. Jeder andere Begriff ist wischi-waschi, da z.B. die Luxemburger wie die Trierer Moselfranken sind, aber nicht zur gleichen Nation geheoeren.

  4. 5 Rheinlaender 22. Juni 2010 um 05:05

    Am Rande: Paessen des UK steht „British Citizen“ … soll man mir mal erklaeren, wo dieser Staat liegen soll.


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