Kommando Himmelfahrt

“Der Begriff Himmelfahrt bezeichnet das in Religionen und Mythen weit verbreitete Motiv, bis zu einem höchsten Ziel zu gelangen.”

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1. Klagelieder

Kann es etwas langweiligeres geben, als an einem höchsten Ziel angelangt zu sein? Alles ist getan, es gibt nichts mehr, was noch erstrebenswert wäre, nichts, was herausfordert; keine Anreize, keine Ziele, keine Träume – das ist doch kein Leben, das ist sinn- und zielloses vor-sich-hin-vegetieren! Verbunden womöglich noch mit dem Fluch der Unsterblichkeit, dann kann man sich nicht mal mehr erfolgreich den Strick nehmen. Nein, das ist wahrlich keine Himmelfahrt, in letzter Konsequenz ist das die Hölle. Für mich jedenfalls wäre das nichts. Aber was weiß ich „materieverhafteter Dunkelwelt-Agent“ schon von so lichten Dingen wie Erleuchtung…

2. Offenbarung

Für viele andere nämlich scheint die Idee von einem Aufstieg in diese „bessere Welt“ sehr anziehend zu sein. Das Erwachen aus dem quälenden Albtraum, der die Erweckungswilligen auf unserer durch und durch verkommenen Erde gefangen hält, in ein friedvolles Leben ohne Entbehrungen und Leid wird von ihnen als höchst erstrebenswertes Ziel angesehen. Von diesem Streben leben nicht nur die etablierten Kirchen recht gut, sondern auch die Gurus und Capos diverser Sekten und die Begründer anderer Aberglaubensrichtungen. Allen gemeinsam ist das altbewährte Motto des geschäftsmäßigen Dummenfangs: Gib dem unwissenden Pöbel ein Motiv, dich mit durchzufüttern! Und ist die Sekte noch so klein, bringt sie doch mehr als Arbeit ein.

3. Hiob

Über längere Zeit läßt sich diese Art der Einkommensgenerierung allerdings nicht problemlos praktizieren. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem der eifrigste Jünger das meisterliche Pflichtenheft komplett abgearbeitet zu haben meint und nun auf seinen überfälligen Aufstieg pocht. Ist der Meister clever, dann findet er noch einige Haare in der Erleuchtungssuppe des Aufmüpfigen und schickt ihn zurück auf LOS, aber auf Dauer ist das keine erfolgversprechende Lösung. Früher oder später sieht er sich mit einem Jünger konfrontiert, der ihm mindestens ebenbürtig ist: Er kann die esoterische Phrasendreschmaschine mit geschlossenen Augen bedienen, besitzt neben seinem ebenso beeindruckenden wie inhaltsleeren Vokabular auch die nötige Menschenkenntnis, um damit erfolgreich neue Anhänger zu rekrutieren, und hat zu guter Letzt begriffen, daß der genaue Inhalt der Lehre völlig egal ist, solange sie ihm nur mehr Rechte einräumt als den Belehrten.

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Damit ist er tatsächlich zu neuem Bewußtsein „erwacht“, zu dem Bewußtsein nämlich, daß unzählige Dumme nur darauf warten, ihre Ersparnisse mit ihm zu teilen, sofern es ihm gelingt, sie mit seinen auf irgendeine Art schon verdammt weise klingenden Worten zu beeindrucken.

4. Genesis

Insektenstaaten teilen sich, sobald eine weitere Königin befruchtet wird. Auch der Jung-Messias muß den alten Coven verlassen, falls er sich mit seinem Meister nicht über die Modalitäten einer möglichst stillen Teilhaberschaft einigen kann. Lautstark die frohe Kunde seines Aufstiegs in alle Himmelsrichtungen verbreitend hofft er dann auf viele eigene Nachsteigewillige, denen er das Geheimnis seines Erfolges offenbaren kann. Natürlich nach dem Erfolgsrezept, das schon sein Meister von dessen Meister gelernt hat: erst mit billigem Eso-Blabla einwickeln und dann mit teuren Vorträgen und Seminaren abzocken. Lamadecken waren gestern.

5. Apostelgeschichte

Heutzutage ist es für den Nachwuchs-Meister nicht einmal mehr vonnöten, ein dickes Buch zu schreiben, weil die von der Generation youtube ohnehin nur für dekorative Einrichtungsgegenstände gehalten werden. Einige Zeilen Kurzprosa sind völlig ausreichend, solange sie das enthalten, wonach die Zielgruppe giert:

Hast du gewußt, daß wir uns im Übergang in ein neues Zeitalter befinden, daß nichts so aussieht, wie es ist, und nichts so bleibt, wie es war? Weißt du, daß du nicht nur ein kleiner Mensch bist? Es heißt so lange schon, die Götter kehren zurück, und das tun sie, in jeden Einzelnen von uns. Du weißt es vielleicht nicht mehr, und doch hast du einfach nur vergessen, wer du wirklich bist. Um dieses wunderbare Spiel auf der Erde spielen zu können, um deine Schöpfung erfahren zu können. Es gibt kein Schicksal, keine Vorherbestimmung. Es gibt keinen Gott, der dich bestraft, warum solltest du dich selbst bestrafen wollen. Auch du bist Gott. Daß du hier zu dieser Zeit bist, ist deine eigene Wahl auf deiner geistigen Ebene. Weißt du es nicht mehr, du hattest dem zugestimmt vor deiner Geburt, und du bist mit Freude und Begeisterung in dein Menschsein gegangen. Du hast die Wahl: möchtest du ein kleiner Mensch sein, oder wählst du zu dem aufzuwachen, der du wirklich bist. Es gibt viele Engel und Wesen, die nur dafür da sind, dich in deinem Aufwachprozess zu unterstützen, so viele Wesen, die dich für deinen Weg ehren und lieben. Atme tief, erlaube es dir, dich deinem Herzen zu öffnen und erlaube es dir, dich zu lieben. Erlaube es dir, dich selbst anzunehmen und erkenne, daß alles, was dir in deinem Leben begegnet ein Geschenk an dich selbst ist. Du bist nie allein, du warst es nie und du wirst nie allein sein, denn auch du bist Gott.

Das Geschwurbel von der pränatalen Zustimmung auf geistigem Flachland klingt schrecklich wirr und absurd, meinen Sie? Das macht nichts, denn erfahrene Jünger schlucken es trotzdem (oder gerade deshalb) mit großer Begeisterung. So wie nacktes junges Fleisch auf der Bühne auch den schrecklichsten Gesang erträglich macht, helfen synthetische Sphärenklänge und eine Urlaubsbilder-Slideshow über die absurde Banalität solcher Texte hinweg.

6. Exodus

Zu lesen bekommen Sie die ohnehin nur in den seltensten Fällen; die Verbreitung solcher Stilblüten esoterischer Kleinkunst erfolgt aus gutem Grund fast ausschließlich in Form eines Videoclips. Wenn Auge und Ohr durch Bilder und Musik abgelenkt sind, fällt Eso-Azubis die chronische Substanzarmut der abgelesenen Worte nicht sofort auf. Erst erfahrene Esoteriker können solche Sätze pur zu sich nehmen, ohne dadurch zwangsläufig vom Glauben abzufallen.

Interessiert sich jetzt eigentlich noch jemand dafür, woher der obige Text stammt? Falls ja: aus der Tonspur eines Videoclips auf der Weltnetzseite des Herrn Wolfgang Werner Jandik, dort zu finden gleich rechts zwischen Pius-Brüdern und Reichsgebrabbel. Falls nicht: um so besser.

7. Jesaja

Abschließend möchte ich mich in aller Form bei Andrea Mantegna entschuldigen, dessen Himmelfahrtsszene ich auf so gotteslästerliche Weise zum Diptychon machte.

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