Die 499€-Frage

Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an die Stelle, wo das unaufgelöste Problem liegt, gerne ein Phantasiebild hinfabelt, das er nicht loswerden kann, wenn das Problem auch aufgelöst und die Wahrheit am Tage ist. Johann Wolfgang von Goethe

Was Goethe vor über 200 Jahren als „wunderliche Eigenschaft“ bezeichnete, wird von der modernen Sozialpsychologie „Auflösung kognitiver Dissonanz“ genannt. Es scheint also ein zeitloses Phänomen zu sein, daß Menschen die Realität überall dort verdrängen, wo sie mit den eigenen Überzeugungen kollidiert. Die eifrigsten Verdränger sind naturgemäß diejenigen, die fest davon überzeugt sind, die Wahrheit ganz genau zu kennen.

Ralf Finkbeiner hat sein Lügenportal wahrheiten.org unter ein Motto gestellt, das ihn als geborenen Verdränger ausweist: Überall Lügen und Propaganda – kennen Sie die echten Wahrheiten? Auf den ersten Blick könnte man das Fragezeichen als Eingeständnis seiner Unsicherheit ansehen, vielleicht selbst der Lüge und Propaganda aufgesessen zu sein. In seinen Beiträgen jedoch ist er sich völlig sicher: Der braune Todesengel Hamer liefert „nur Naturgesetze und reproduzierbare Beweise„, der Virenleugner Lanka hat „mit wasserdichten Beweisen“ wasserdicht bewiesen, daß es keine krankheitserregenden Mikroorganismen gibt und HIV demzufolge eine „Legende“ und AIDS eine „Lüge“ ist, und die BRD ist seiner Überzeugung nach zweifellos „eine GmbH“ und die Wiedervereinigung daher „nur eine Inszenierung„. Kaum eine der altbekannten Dummenfang-Geschichten ist ihm zu wahnwitzig, um sie nicht als echte Wahrheit anzupreisen, im Gegenteil: Sein fester Glaube an die Existenz einer weltweiten VerschwörungVacuuCraft läßt ihn gerade das als falsch anprangern, was von den vermeintlichen Verschwörern als wahr dargestellt wird.

Nun ist es gewiß keine Schande, in Sachen Staatsrecht oder Mikrobiologie völlig ahnungslos zu sein, solange man sich auf diesen Gebieten nicht zum Wahrheitsverkünder aufschwingt. Finkbeiners Ahnungslosigkeit scheint jedoch so umfassend zu sein, daß er sogar bei solchen Themen kläglich versagt, die eigentlich Bestandteil der schulischen Allgemeinbildung sein sollten. Ein aktuelles Beispiel dafür ist sein „Ballon voller “Nichts”, der von selbst fliegt.

VACUUCRAFT geht den natürlichen Weg und baut Luftschiffe, deren Auftriebskörper die Gravitation der Erde innerhalb der Atmosphäre durch ein Vakuum in ihrem Inneren neutralisieren. Das durch ein Hochvakuum eingesparte Gewicht wird für die Konstruktion einer festen Hülle genutzt.

Im Gegensatz zu Wasserstoff, der je m³ immerhin noch 90 Gramm wiegt, hat ein m³ Hochvakuum so gut wie gar kein Gewicht. Verglichen mit den 1,29 kg je m³ Luft fallen diese 90 Gramm Unterschied allerdings kaum ins Gewicht. Wo also sollen die enscheidenden Vorteile des VacuuCraft liegen,  die alle seine Nachteile aufwiegen? Rechnen wir mal ein wenig:

Eine Vakuumkugel mit einem Radius von 10 Metern soll den Angaben zufolge rund 2 Tonnen Last tragen können. Diese Kugel hat ein Volumen von 4.187 m³, verdrängt also insgesamt 5.400 kg Luft. Um mit 2.000 kg Last schweben zu können, darf die gesamte Konstruktion demzufolge nicht schwerer als 3.400 kg sein. Die Kugelhülle hat eine Oberfläche von 1.256 m², ein m² des verwendeten Hüllenmaterials darf also unabhängig von der Wandstärke maximal 2,7 kg wiegen und muß dabei dem Luftdruck von 1 bar, also 100.000 N/m² standhalten. Falls Ihnen der Unterschied zwischen Gewichtskraft und Masse nicht mehr geläufig ist: auf Meereshöhe entspricht das einem Druck von etwa 10.000 kg/m². Welches Material sollte bei so geringer Masse diese enorme Festigkeit bieten? Herr Finkbeiner glaubt es zu wissen:

Die technische Realisierung ist heute durch den Einsatz modernster Werkstoffe möglich. Dazu gehören Glas- und Kohlefaser-Verbundwerkstoffe, die schon verbreitet Anwendung finden und moderner Kohlenstoff- und Metallschaum. Metallschäume sind meist auf Aluminium basierende Materialien, die bis zu 90% aus Luft bestehen.

Metallschaumquader

Ich habe kurzerhand beim Metallschaumzentrum des Fraunhofer-Instituts nachgefragt, ob es einen gasdichten Verbundwerkstoff mit diesen Eigenschaften gibt. Die Antwort war ernüchternd, aber vorhersehbar: Nein. Das Material, welches am ehesten den Ansprüchen von maximaler Festigkeit bei minimaler Masse genügen würde, ist ein Aluminiumschaum-Stahlblech-Sandwich, welches aber noch immer 64 kg/m² wiegt und als Kugel der geforderten Größe nicht einmal einem halben bar Unterdruck standhalten würde, geschweige denn einem Hochvakuum. Hätte die Hohlkugel einen Durchmesser von wenigen Zentimetern, dann wäre sie stabil genug, aber mit zunehmendem Radius muß auch die Wandstärke linear zunehmen, damit die steigende Tangentialspannung nicht zur Zerstörung der Kugel führt. Von solchen simplen physikalischen Gesetzmäßigkeiten läßt sich Herr Finkbeiner jedoch nicht beirren:

Der Tragfähigkeit ist nach oben keine Grenze gesetzt. So gibt es technisch keine Hindernisse, Kugeln mit einem Radius von 1.000 Meter zu bauen. Die Nutzlast liegt dann bei einigen Millionen Tonnen.

Nur der Fantasie ist keine Grenze gesetzt, der mechanischen Stabilität einer solchen Konstruktion schon. Eine Hohlkugel mit 2 km Durchmesser würde bereits unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen, wenn sie nicht durch Überdruck in ihrem Inneren stabilisiert wird. Dann allerdings kann sie erst recht nicht mehr fliegen, sondern höchstens noch rollen. So wie der schnelle Rubel, auf den es der Urheber dieser Schnapsidee offensichtlich abgesehen hat:

Werden Sie Teilhaber an der neuen Gesellschaft, wer jetzt einsteigt, erlebt den Aufschwung eines völlig neuen Systems von Anfang an. Beteiligungen sind in jeder beliebigen Höhe möglich. Wenn Sie Interesse an einer soliden Geldanlage haben, melden Sie sich.

Haben Sie Interesse? Dann sollten Sie das Angebot ruhig annehmen und sich weitere Details zu dieser „soliden Geldanlage“ geben lassen, denn im Gegensatz zu anderen von Herrn Finkbeiner unterstützten Projekten sind diese Informationen noch gratis zu haben. Auf seiner Domain wassermotor.org beispielsweise müßten Sie nämlich für nähere Informationen zu dem dort angepriesenen Perpetuum Mobile stolze 499€ bezahlen. Ohne Funktionsgarantie und ohne jedes Rückgaberecht, versteht sich. Dafür können Sie in der so erworbenen pdf-Datei die Voodoo-Tricks nachlesen, durch die sich Wasser mit weniger Energieaufwand in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen läßt, als bei der anschließenden Reaktion zu Wasser wieder frei wird. Daniel Dingel läßt grüßen, er betreibt betrieb (siehe Kommentar #2) sein Auto ja seit Jahrzehnten mit nichts als Wasser, freier Energie und den Spenden seiner leichtgläubigen Groupies.

Ließe sich anhand dieser wert-vollen pdf-Datei wenigstens die Frage klären, ob Herr Finkbeiner nur zu dumm ist, um die Absurdität dieser von ihm beworbenen Projekte zu erkennen, oder ob er sie in voller Kenntnis ihrer Undurchführbarkeit anpreist und somit bewußt betrügerisch handelt, dann wäre mir das durchaus ein paar Euronen wert, wenn auch keinen halben Riesen. So aber kann man über seine wahren Beweggründe nur spekulieren.

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8 Responses to “Die 499€-Frage”


  1. 1 VacuuHead 4. Juni 2009 um 21:50

    Was ist denn nun der Vorteil des Vakuums gegenüber einer herkömmlichen Füllung aus Wasserstoff oder Helium? Der Wahrheiten-Finkbeiner beahuptet zwar, „die Idee ist viel besser, sie ist genial“, aber meine Frage wird immer gelöscht, was genau daran so genial sein aoll. Das geht doch garnicht.

  2. 2 Scardanelli 5. Juni 2009 um 09:49

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    soweit ich weiß, betreibt Herr Dingel nun gar nichts mehr – laut Zeitungsberichten (die es bei Esowatch einzusehen gibt) ist er inzwischen wegen Betrugs verknackt worden.

    Untertänigst

    S.

  3. 3 deppenaufsicht 5. Juni 2009 um 13:20

    Vielen Dank für den Hinweis, Scardanelli!

    „MANILA, Philippines
    Daniel Dingel, 82-year-old inventor of a “water-powered car,” has been convicted of “estafa” [swindling] and sentenced to a maximum of 20 years imprisonment by the Parañaque City Regional Trial Court. The court also ordered him to pay $380,000 in actual damages.“

    Auf Esowatch habe ich dazu leider nichts gefunden.

  4. 4 Überraschter Leser 6. Juni 2009 um 00:48

    Doch, die haben das gerade mitbekommen. Ihr seid ja sowas von fix !

    http://www.esowatch.com/index.php?title=Wasserauto

  5. 5 Cem 5. Juli 2009 um 03:18

    Great post!

  6. 6 Wassermotor 15. Februar 2011 um 09:17

    Diese Seite ist wirklich hilfreich für mich. Ich habe sechs Autos. Und ich hatte Schwierigkeiten bei der Bereitstellung von Brennstoff für alle von ihnen. Aber diese innovative Idee hat mir sehr geholfen.Jeder sollte es versuchen. Aber bitte, fragen Sie Ihre Krankenkasse, Rechtsanwalt und Kfz-Experten beraten vor der Operation entsprechend. wasserauto24.de

  7. 7 Wassermotor 16. Februar 2011 um 10:44

    Speichern Sie die Kraftstoff. Das ist die große Devise Mann! Ich stimme Ihnen zu. Wir alle sollten Kauf dieser Idee. Und Sprit sparen.Unsere natürlichen Ressourcen sind sehr schnell Weiterverarbeitung. So verlieren Sie keine Zeit mehr. Helfen Sie unsere Natur. wasserauto24.de

  8. 8 Kildarby 1. April 2011 um 09:31

    Vielleicht interessiert in diesem Zusammenhang auch die Geniale Idee des Dr. Heindl, der immerhin Physiker (wie peinlich für diesen schönen Berufsstand) ist, ein Lageenergiekraftwerk, ähnlich Pumpspeicherkraftwerken zu bauen, das auf dem Prinzip beruht, dass ein Zylinder mit einigen 100m (sic!) Höhe und Radius aus dem Felsen gelöst und durch Wasserdruck von unten um einen ähnlichen Betrag angehoben würde – wie viel da schief gehen kann, kann man leicht nachrechnen, aber irgendwie hab ich das Gefühl, schlägt das in eine ähnliche Kerbe wie eine Aluminiumkugel mit 1.000m Durchmesser…


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